Redakteur: Roman Golub

 


Wahnschaffe ist eine Popmusikerin aus Köln. Sie gab in einem Interview Antworten rund um ihre Musik und ihre EP „Courage“.

 

 


Wofür steht dein Künstlername Wahnschaffe? Ich meine mit dieser Frage jetzt nicht die erfolgte Änderung von Sophia Wahnschaffe in diesen, womit du ja einen musikalischen Stilwechsel ausdrücken wolltest, sondern die jetzige Bezeichnung Wahnschaffe an sich.


Wahnschaffe ist mein Mädchenname.

 

 

 

 

Warum hast du deine EP „Courage“ genannt? Ist es für dich der prägnanteste Titel auf dem Release oder willst du damit eine gewisse Akzentuierung und Themenbesetzung zum Ausdruck bringen? Auf „Courage“ findet sich meiner Ansicht nach auch zwischenmenschlich besetzte Themen (etwa in „Planeten“ und „Unantastbar“). Was macht die EP deiner Ansicht nach aus?


Mit Courage hat die Reise der EP begonnen. Es war der erste Song mit dem ich ins Studio gegangen bin. Daraus entwickelte sich ein roter Faden, ein bestimmter Sound, der sich durch die ganze EP zog und somit auch die anderen Songs färbte. Deswegen ist Courage für mich das Gesicht der EP. Aber auch inhaltlich bedeutet er mir viel: Mutig zu sein und Kante zu zeigen. Es war eine Herausforderung diese EP bis zum Ende hin durchzuziehen, mit dem neuen Sound und Imagewechsel rauszugehen und mich künstlerisch so auszudrücken, wie ich das will, egal, was andere sagen. Ich möchte als Künstlerin im Musikbusiness meine Frau stehen und so auch jedem meiner Zuhörer*innen Mut machen, so zu sein, wie sie sind.

 

 

 

 

In Song Zirkus heißt es u.a. „Tanzt du aus der Reihe, wirst du gefressen/ Bist du nicht schön genug, bist du bald vergessen“. Kann dieser Titel durchaus als unterschwellige Kritik an vorherrschenden Einstellungen in unserer Gesellschaft gesehen werden? Welche gedanklichen Prozesse sind dir beim Verfassen der Lyrics durch den Kopf gegangen? Was hat dich gerade zu diesem Track inspiriert?


Zirkus ist auf jeden Fall ein gesellschaftskritischer Song. Er bringt meinen Frust und meine Wut über die Medien zum Ausdruck, die bestimmen, was hip, was schön und erfolgreich ist. Noch frustrierender ist, dass wir den ganzen Bums so oft wie ferngesteuert mitmachen. Wir lieben den Konsum. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich mit Freunden Heidi Klums Mädchen zugesehen habe und wir uns über diese perfekten Figuren ärgerten. Wir fanden es so albern, dass jeder so dünn sein muss, aber machten am nächsten Tag doch eine Diät, weil wir uns zu dick fühlten und nicht in das eine Kleid von H&M passten. Das heißt, wir machen diesen ganzen Zirkus von vorne bis hinten mit. Wir sitzen auf den billigen Plätzen und schauen dem Spektakel von außen zu, aber sind genauso Teil dieses ganzen Theaters und hampeln in der Manege rum.


Ich finde es stark, dass z.B. Bodypositivity immer größere Aufmerksamkeit in den Medien bekommt, was mir persönlich hilft mein Denken von diesen vorgegebenen Schönheitsidealen zu reinigen. Auch wenn wir immer Teil dieser Gesellschaft und diesem Zirkus sein werden, ist es für mich umso wichtiger zwischendurch mal auf Pause zu drücken und sich zu fragen: Was tut mir gut? Bleib ich bei mir?

 

 

 

 

Was beschreibt der Titel „Nicht bereit zu gehen“?


NICHT BEREIT ZU GEHEN handelt von Loyalität gegenüber einer Person oder einer Idee, die alle anderen bereits aufgegeben haben. Vielleicht ist es stur oder naiv, an Dingen festzuhalten, die aussichtslos erscheinen. Aber es zeugt eben auch von Aufrichtigkeit und Menschlichkeit - etwas, das wir wohl gerade jetzt mehr denn je brauchen.

 

 

 

 

Wie kommen generell deine Lyrics eher zustande? Sind es Themen, die dich über eine längere Zeit begleiten oder gibt es dafür auch gewisse inspirierende Momente?


Ja, es sind häufig Themen, die ich schon länger in mir trage und meinen Kopf darüber zerbreche. Meine Songs sind, wie bei anderen Musiker*innen sicher auch, ein Verarbeitungsfilter, Katalysator und Selbsttherapie. Oft erzählt mir die Musik, worum es in dem Song gehen soll. Ich schreibe in der Regel immer komplett das Arrangement und die Melodie des Songs fertig. Dann kommt mir ein Satz in den Sinn, die Hook, die ich dann immer wiederhole. Wie z.B. „Ich bin noch nicht bereit zu gehen“. Das gibt die Richtung für die Lyrics vor. Was bedeutet das? Und so gehts dann weiter…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wahnschaffe ist ja ein Popmusik-Projekt. Im Jahre 2018 hast du in Hamburg einen Popkurs gemacht. Was hast du konkret daraus gelernt, was sich bei der Musik bei Wahnschaffe wiederfindet?


Im Popkurs habe ich gelernt, dass meine musikalischen Ideen gut sind. Ich meine das gar nicht überheblich, sondern ich finde diese Einstellung unglaublich wichtig beim Musik machen.


Im Popkurs trifft man auf unterschiedlichste Musiker aus ganz Deutschland. Alle werden irgendwie in Gruppen zusammengewürfelt und sollen von jetzt auf gleich gemeinsam musizieren. Und das funktioniert. Nämlich dann, wenn sich jeder öffnet, sich zeigt und alle anderen wertschätzt. Ich sag dir, innerhalb von 5 Minuten können dann die geilsten Songs entstehen. Falsche Bescheidenheit und sich unter den Scheffel stellen blockiert dann immer den Prozess. Wenn man einfach alle Ideen rauslässt, dann kann man damit arbeiten und etwas Wunderschönes kreieren. Das hat mich als Musikerin total freigesetzt. Einfach drauflos singen und spielen, ohne direkt den Kopf anzumachen und zu bewerten: “Ist das so gut?“, "Voll Klischee!“, "Sowas ähnlich hab ich schon mal geschrieben“, „Das ist wieder zu viel Jazz“,Voll Mainstream!" …blablabla. Der Popkurs hat mich auf jeden Fall total gepusht und mir gezeigt, dass ich gut bin, dass ich tolle Musik mache, die andere erfreuen und berühren kann und dass ich es einfach machen soll!

 

 

 

 

Inwieweit findet sich durch deinen jetzigen Wohnort Köln eine entsprechendes Lebenseinstellung in deiner Musik wieder. In welcher Art und Weise sorgt Köln mit seinem speziellen Flair für inspirierende Impulse und kreative Momente, die deiner Musik zu Gute kommen?


In Köln habe ich gute Freunde und Musiker, die mich wirklich kennen. Die kennen meine Sonnenseite, aber auch die super genervte, ungeduldige, hangry Sophia. Ich brauch keine Fassade mehr vor denen. So hab ich auch keine falsche Scham meine Ideen zu teilen und es ist auch ok zu hören, wenn die irgendwas kacke finden. Man kann sich gegenseitig pushen, füreinander da sein. Auf Tour nervt man sich manchmal hart an, aber man weiß ganz genau, dass man sich wieder vertragen wird. Dafür bin ich super dankbar. Das hat jetzt nichts mit Köln an sich zu tun, aber ich hab diese Leute in dieser Stadt gefunden.

 

 

 

 

Was bedeuten Konzerte für dich vor allem im Hinblick darauf, dass während der momentanen Pandemie teilweise nur ein eingeschränkter Betrieb stattfand bzw. gegenwärtig gar keine solchen Events erlaubt sind?


Gute Frage. Das Jahr hat ja jetzt erst begonnen und es ist wirklich gruselig, dass mein Kalender noch so komplett leer ist. Ich weiß nicht, ob ich da hysterisch lachen oder weinen soll. Mal sehen. Jedenfalls war 2020 dann doch irgendwie ganz gut, obwohl so viele Gigs ausgefallen sind. Ich hab dann einfach versucht viel Content zu machen. Hab die EP rausgebracht, ein paar Musikvideos gedreht, eine neue EP geschrieben und aufgenommen. Das heißt, da hab ich erstmal genug zu tun. Aber ich vermisse das Spielen, das Proben, das unterwegs sein. Der Lockdown lähmt mich grad sehr. Ich schlafe so viel und mache viel weniger, als die Jahre davor. Ich hoffe, wir kommen bald alle aus unserem depressiven Loch, wenn das Wetter besser wird und man draußen wieder mehr machen kann. Ich bin guter Dinge.

 

 

 

 

Willst du zum Schluß noch etwas sagen?


Ich glaube, das reicht erstmal :)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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